Pflanzenschutzmittelverwendung in der Landwirtschaft

Neben den erwünschten Wirkungen birgt der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zahlreiche Risiken für die Umwelt einschlie?lich der biologischen Vielfalt. Obwohl der Absatz von Pflanzenschutzmitteln in den letzten beiden Jahren zurückgegangen ist, nimmt die Biodiversit?t in der Agrarlandschaft weiter ab.

Inhaltsverzeichnis

 

Zulassung von Pflanzenschutzmitteln

Das europ?ische und das deutsche Pflanzenschutzrecht gew?hrleisten, dass nur Pflanzenschutzmittel in Verkehr gebracht werden, die auf ihre Umweltauswirkungen geprüft wurden. Die Umweltprüfung erfolgt im Rahmen des Zulassungsverfahrens durch das Umweltbundesamt.

Im Jahr 2019 waren 932 Mittel (ohne ruhende Zulassungen) mit 1.769 Handelsnamen zugelassen (Mittel k?nnen als ?Vertriebserweiterungen“ unter mehreren Handelsnamen vertrieben werden). Die Zahl eingesetzter Wirkstoffe in den zugelassenen Pflanzenschutzmitteln ist seit 2000 (276 Wirkstoffe) ann?hernd konstant geblieben. Im Jahr 2019 wurden insgesamt 288 Wirkstoffe eingesetzt (siehe Abb. ?Zahl zugelassener Pflanzenschutzmittel und Wirkstoffe“).

Das Diagramm zeigt die Anzahl zugelassener Pflanzenschutzmittel und -wirkstoffe 2000-2019. Die Anzahl der zugelassenen Pflanzenschutzmittel lag im Jahr 2019 bei 932. Im selben Jahr waren 288 Wirkstoffe zugelassen.
Zahl zugelassener Pflanzenschutzmittel und Wirkstoffe
Quelle: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit Diagramm als PDF
 

Absatz von Pflanzenschutzmitteln

Der Absatz von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland lag zwischen 1995 und 2005 bei etwa 30.000 Tonnen (t) Wirkstoff (ohne Berücksichtigung der im Vorratsschutz eingesetzten inerten Gase, und mit Ausnahme des Jahres 1998). Seit 2006 liegt der Inlandsabsatz zwischen 27.000 und 35.000 t Wirkstoff (ohne inerte Gase). Seit 2017 ist der Absatz von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland rückl?ufig. Im Jahr 2019 lag er bei 27.009 t Wirkstoff. Die Gruppe der ⁠Herbizide⁠ machte mit 50,6 % den gr??ten Anteil an den abgegebenen Pflanzenschutzmitteln (ohne inerte Gase) aus (siehe Abb. ?Inlandsabsatz einzelner Wirkstoffgruppen in Pflanzenschutzmitteln“).

Aus den Angaben über den Inlandsabsatz (Verkauf) von Pflanzenschutzmitteln kann allerdings nicht unmittelbar auf den Verbrauch je Hektar landwirtschaftlicher Nutzfl?che geschlossen werden, da die ausgebrachten Mengen je nach Art des Anbaus und der Fruchtfolge sowie den stand?rtlichen Bedingungen zum Teil erheblich variieren und die Pr?parate unter Umst?nden auch über mehrere Jahre hinweg gelagert werden. Die tats?chlich ausgebrachten Mengen an Pflanzenschutzmitteln wurden bisher nur stichprobenartig und in unregelm??igen Abst?nden durch das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, Julius Kühn-Institut (JKI), früher Biologische Bundesanstalt erfasst.

Nach Berechnungen des Umweltbundesamts ergibt sich für die deutsche Landwirtschaft ein durchschnittlicher j?hrlicher Einsatz von 8,8 Kilogramm (kg) Pflanzenschutzmitteln beziehungsweise 2,8 kg Wirkstoff je Hektar Anbaufl?che (Berechnung für 2015 ohne inerte Gase, bei ca. 12,1 Millionen Hektar Ackerland und Dauerkulturen).

Mit der Verabschiedung der Verordnung über Statistiken zu Pestiziden (EG 1185/2009) sind alle Mitgliedsstaaten der Europ?ischen Union (EU) dazu verpflichtet, der Europ?ischen Kommission zukünftig in regelm??igen Abst?nden Daten zum Absatz (Inverkehrbringung) und zur Anwendung von Pflanzenschutzmitteln in bestimmten Kulturen zur Verfügung zu stellen. Auf Basis dieser Daten wird dann auch die M?glichkeit einer bundesweiten Auswertung zur Anwendung von Pflanzenschutzmitteln bestehen.

Das S?ulendiagramm zeigt den Inlandsabsatz einzelner Wirkstoffgruppen. Ohne die im Vorratsschutz verwendeten inerten Gase betrug er im Jahr 2019 27.009 Tonnen.
Inlandsabsatz einzelner Wirkstoffgruppen in Pflanzenschutzmitteln
Quelle: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit Diagramm als PDF
 

Funde von Pflanzenschutzmitteln in Gew?ssern

In den letzten Jahren gingen die Funde von Pflanzenschutzmitteln im Grundwasser kontinuierlich zurück, wie die Abbildung ?H?ufigkeitsverteilung der Funde von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen und ihren relevanten Metaboliten in oberfl?chennahen Grundwassermessstellen“ zeigt. Zwischen 2013 und 2016 überschritten noch etwa 3,8 % der Proben im oberfl?chennahen Grundwasser den jeweiligen gesetzlichen Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter (μg/l) bei mindestens einem Wirkstoff (letzte vorliegende Daten). Der Rückgang der Grundwasserbelastungen ist dabei wesentlich auf abnehmende Fundh?ufigkeiten von Atrazin, Desethylatrazin und einigen wenigen anderen Wirkstoffen sowie deren Metaboliten (Abbauprodukte) zurückzuführen, deren Anwendung bereits seit Jahren oder sogar Jahrzehnten verboten ist (“Gew?sser in Deutschland“). Hier zeigt sich eine Verz?gerung der ?kologischen Prozesse, die die strenge Zulassung in Deutschland rechtfertigt. Moderne Pflanzenschutzmittel treten deutlich seltener im Grundwasser auf als ?ltere.

Für Oberfl?chengew?sser wird die Belastung mit Pflanzenschutzmitteln derzeit nur im Gew?ssermonitoring zur Umsetzung der ⁠Wasserrahmenrichtlinie⁠ systematisch erhoben. Da dazu nur gr??ere Gew?sser herangezogen werden, sind die Daten nicht dazu geeignet, um die Belastung der zahlreichen Kleingew?sser in der Agrarlandschaft mit Pflanzenschutzmitteln abzusch?tzen.?

Weitere Informationen zu Pflanzenschutzmitteln und ihrem Zulassungsverfahren sowie Ma?nahmen zur Reduzierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft finden Sie im Artikel ?Pflanzenschutzmittel“ auf unseren Themenseiten.

Das Diagramm zeigt, dass die Belastung des oberfl?chennahen Grundwassers mit Pestiziden sank.
H?ufigkeitsverteilung der Funde von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen und ihren relevanten Metaboliten
Quelle: L?nderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) Diagramm als PDF
 

?kologische Bewertung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes

Entscheidend für eine Bewertung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes aus Sicht des Umweltschutzes sind weniger die ausgebrachten Mengen, als vielmehr die Wirkungsintensit?t oder die Wirkungs?quivalente. So k?nnen moderne hochwirksame Pflanzenschutzmittel aus ?kotoxikologischer Sicht trotz geringerer Dosierung das gleiche Gef?hrdungspotenzial wie ?ltere Mittel in hoher Dosierung aufweisen. Deshalb ist die alleinige Festsetzung von mengenbezogenen Minderungszielen für alle Pflanzenschutzmittel nicht ausreichend. Sinnvoll w?re die Ermittlung von Trends und die Definition von Reduktionszielen mit Bezug auf die angewandte Menge des jeweiligen Wirkstoffs jedoch für solche Wirkstoffe, die aus Umweltsicht als kritisch anzusehen sind, allerdings nicht die Kriterien für einen Rückruf der Zulassung erfüllen. Mit der Einführung sogenannter Ausschlusskriterien für die Zulassung von Wirkstoffen (?Cut-off-Kriterien“) in der europ?ischen Pflanzenschutzmittelverordnung (Verordnung (EG) 1107/2009) soll die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln mit besonders bedenklichen Wirkstoffeigenschaften auf ein Minimum reduziert werden. Schwer abbaubare, bioakkumulierende (sich in Tieren und Pflanzen anreichernde) und umweltgiftige Wirkstoffe sollen grunds?tzlich verboten werden. Beispiele sind die persistenten organischen Schadstoffe (POPs), aber auch krebsausl?sende oder über ?nderungen im Hormonhaushalt oder im Erbgut sch?dlich wirkende Stoffe.

 

Umweltwirkungen von Pflanzenschutzmitteln

Die Ausweitung der Anbaufl?chen und die Intensivierung der Bewirtschaftung haben die Rahmenbedingungen für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland drastisch ver?ndert. Der immer intensivere Einsatz hochwirksamer Breitband-⁠Herbizide⁠ und -Insektizide führt in vielen F?llen nicht nur zur gewollten Minimierung der sogenannten Unkr?uter und Schadinsekten. Er führt zwangsl?ufig auch dazu, dass die Ackerbegleitflora verarmt und vielen Vogel-, S?ugetier- und anderen Tierarten der Agrarlandschaft die Nahrungsgrundlage entzogen wird. In zahlreichen wissenschaftlichen Studien wurde nachgewiesen, dass Pflanzenschutzmittel über die Nahrungskette indirekt eine der Hauptursachen für Bestandsrückg?nge bei verschiedenen Feldvogelarten, wie zum Beispiel der Feldlerche, der Goldammer oder des Rebhuhns sind. Auch der weltweit beobachtete Rückgang von Blütenbest?ubern wird in einen Zusammenhang mit dem Rückgang von Blütenpflanzen gestellt. Nicht zuletzt k?nnen unerwünschte Nebenwirkungen des Pflanzenschutzmitteleinsatzes auch für die behandelten landwirtschaftlichen Fl?chen selbst ein Problem darstellen, etwa über Beeintr?chtigungen der Bodenfruchtbarkeit durch Sch?digung wichtiger Bodenorganismen.

Darüber hinaus besteht die M?glichkeit, dass Pflanzenschutzmittel ins Grundwasser versickern und somit über das Trinkwasser und/oder über landwirtschaftliche Produkte in Lebensmittel gelangen k?nnen. Für die Zulassung eines Pflanzenschutzmittels ist daher eine wichtige Voraussetzung, dass weder sein Wirkstoff noch dessen Abbauprodukte bestimmte Grenzwerte überschreiten und somit gesundheitliche Sch?den verursachen k?nnen. Die zu erwartenden Konzentrationen in einzelnen Umwelthabitaten je nach Aufwandmenge und Art der Anwendung des jeweiligen Pr?parates werden mit Rechenprogrammen und durch experimentelle Daten im Voraus bestimmt.