Umwelt, Gesundheit und soziale Lage

Der soziale Status entscheidet mit darüber, ob und in welchem Umfang Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch Umweltschadstoffe belastet sind. Sozial schlechter gestellte Menschen sind von Umweltproblemen vielfach st?rker betroffen als sozial besser Gestellte.

Inhaltsverzeichnis

 

Sozial und gesundheitlich benachteiligt

Bildung, Einkommen und Faktoren wie der Migrationshintergrund beeinflussen die Wohnbedingungen und Lebensstile sowie die damit verbundenen Gesundheitsrisiken der Menschen. Das belegen sozial- und umweltepidemiologische Untersuchungen wie die Umwelt-Surveys, die das Umweltbundesamt seit dem Jahr 1985 durchführt.

Diese Studien zeigen, dass sozial benachteiligte Bev?lkerungsgruppen in den meisten F?llen h?ufiger und st?rker von Umweltproblemen betroffen sind als sozial besser Gestellte. Sie verfügen meist auch nicht über das Einkommen und die Bildung, um solche Belastungen zu vermeiden. Teilweise sind aber auch sozial besser Gestellte h?her belastet.

Beispielsweise wird die allgemeine Umweltqualit?t in Deutschland nach den Ergebnissen der bundesweit repr?sentativen Umweltbewusstseinsstudie 2014 von 73 Prozent (%) der Menschen als ?gut“ eingesch?tzt. Jedoch sehen sich die Befragten mit niedriger Formalbildung und geringem Einkommen st?rkeren Umweltbelastungen ausgesetzt und beurteilen auch die Umweltqualit?t deutlich negativer.

Für das Land Berlin wurde ein integriertes Stadtbeobachtungssystem (?Umweltgerechtigkeitsmonitoring“) entwickelt, das über die sozialr?umliche Verteilung gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen und -ressourcen Auskunft gibt. Aktuelle Daten zeigen, dass es in der Stadt viele Gebiete gibt, die mehrfach belastet sind und damit u. a. neben L?rm- und Luftbelastungen sowie einem Mangel an Grünfl?chen auch eine hohe soziale Problemdichte (u. a. hohe Arbeitslosigkeit) aufweisen (Klimeczek, 2014).

ein mehrst?ckiges Wohnhaus mit Balkonen steht direkt hinter einer L?rmschutzwand einer Stadtautobahn
Gesunde Wohnverh?ltnisse sollten nicht vom Geldbeutel abh?ngen.
Quelle: Harald07 / Fotolia.com
 

Belastungen durch Stra?enverkehr

Menschen mit einem niedrigen sozialen Status sind in Deutschland ?fter verkehrs- und industriebedingten Luftschadstoffen ausgesetzt als Menschen mit einem hohen Sozialstatus. Sie fühlen sich auch ?fter durch ?u?ere Umwelteinflüsse bel?stigt. Drei Beispiele:

  • Die Auswertung des Kinder-Umwelt-Surveys (KUS), den das Umweltbundesamt in den Jahren 2003 bis 2006 durchführte, ergab, dass nach Angaben der Eltern, 3- bis 14-j?hrige Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus h?ufiger an stark befahrenen Haupt- oder Durchgangsstra?en wohnen als Kinder aus Familien mit mittlerem und hohem Sozialstatus (siehe Abb. ?Wohnlage von 3-14-J?hrigen nach Sozialstatus“).
  • Die Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1), die das Robert Koch-Institut (⁠RKI⁠) von 2008 bis 2011 durchgeführt hat, zeigen ebenfalls eine st?rkere Stra?enverkehrsbelastung bei Personen mit niedrigem sozio?konomischen Status. Demnach berichteten 28,3 Prozent (%) der Befragten mit niedrigem Sozialstatus davon, an einer stark oder extrem stark befahrenen Stra?e zu wohnen, doch nur 14,8 % der oberen Statusgruppe (Lau?mann et al., 2013).
  • Daten der Schulanf?ngerstudie Sachsen-Anhalt, die von 1991 bis 2009 erhoben wurden, weisen auf m?gliche Auswirkungen solcher Wohnlagen auf die Gesundheit hin: So stand das Auftreten von Krankheiten wie Bronchitis, Lungenentzündung und Nasennebenh?hlenentzündung bei Kindern nachweislich mit einem erh?hten Autoverkehr in benachteiligten Wohnlagen in Zusammenhang. Je weiter der Kindergarten von einer verkehrsreichen Stra?e entfernt lag, desto niedriger war auch die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder an einer dieser Krankheiten erkrankten. Weiterhin ergaben sich Zusammenh?nge mit der sozialen Situation der Kinder: Kamen sie aus Familien mit einem niedrigeren Sozialstatus, lebten sie n?her an verkehrsreichen Stra?en und erwiesen sich als anf?lliger für Erk?ltungskrankheiten (Gottschalk et al., 2011).
Die Abbildung zeigt, dass der Sozialstatus darüber entscheidet, wo 3- bis 14-J?hrige wohnen. 27 % der Kinder aus Familien mit niedrigem Status lebten an stark befahrenen Stra?en. Von den Kindern aus Familien mit hohem Sozialstatus waren es 10 %.
Wohnlage von 3-14-J?hrigen nach Sozialstatus
Quelle: Umweltbundesamt Diagramm als PDF
 

L?rmbel?stigung und L?rmbelastung

Menschen mit niedrigem sozialen Status sind sowohl subjektiv als auch objektiv mehr L?rm und insbesondere Stra?enverkehrsl?rm im Wohnumfeld ausgesetzt als Menschen mit h?herem Status. Drei Beispiele:

  • Die Auswertung des Kinder-Umwelt-Surveys (KUS) zeigte, dass sich Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus durch Stra?enverkehrsl?rm tagsüber h?ufiger bel?stigt fühlen als Kinder aus Familien mit h?herem Sozialstatus.
  • Die Auswertung der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) des Robert Koch-Instituts (⁠RKI⁠) ergab, dass ein geringeres Einkommen in Zusammenhang mit einer h?heren subjektiven L?rmbel?stigung durch Stra?enverkehrsl?rm im Wohnumfeld steht. So fühlten sich 8,1 Prozent (%) der Befragten der untersten Einkommensgruppe stark oder sehr stark durch Stra?enverkehrsl?rm bel?stigt. Dies war aber nur bei 4,4 % der Befragten der obersten Einkommensgruppe der Fall (Lau?mann et al., 2013).
  • Ergebnisse einer regionalen Erhebung in Frankfurt a. M. aus dem Jahr 2014 zeigen zudem, dass sich Familien mit einem niedrigen Sozialstatus h?ufiger durch L?rm bel?stigt fühlen als Familien, die einen h?heren Sozialstatus aufweisen (Schade, 2014).
 

Zugang zu Grünr?umen

Regionale Studien zur sozialr?umlichen Verteilung von Umweltbelastungen in Deutschland zeigen, dass Menschen mit geringeren Einkommen und niedrigem Bildungsniveau einen schlechteren Zugang zu Umweltressourcen wie Grün- und Freifl?chen haben:

  • Beispielsweise zeigen Ergebnisse des Modellvorhabens ?Umweltgerechtigkeit im Land Berlin“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt aus dem Jahr 2014, dass sozial benachteiligte Stadtquartiere in Berlin h?ufiger über eine überdurchschnittlich schlechte Freiraumversorgung verfügen (vgl. Integrierte Mehrfachbelastungskarten, SenStadtUm, 2015).
  • Ergebnisse eines Gesundheits-Monitorings der Jahre 2004 bis 2007 in der Studienregion München belegen, dass Familien mit geringem Einkommen besonders h?ufig von einer nachteiligen Umweltqualit?t im Wohnumfeld betroffen sind. Diese ist neben L?rm- und Luftbelastungen auch durch einen Mangel an zug?nglichen Grünfl?chen in der Wohngegend gekennzeichnet (Thiele & Bolte, 2011).
  • Eine Erhebung in Frankfurt a. M. weist zudem nach, dass es abh?ngig von der sozialen Herkunft Unterschiede in der Erreichbarkeit von Grünr?umen im Wohnumfeld gibt. So berichten Familien mit niedrigem sozialen Status h?ufiger über einen l?ngeren Fu?weg bis zur n?chsten Grünanlage als sozial besser gestellte Familien (Schade, 2014).
 

Innenraumbelastungen

In Innenr?umen ist die Situation komplexer. Die Qualit?t der Innenraumluft ist von vielen Faktoren abh?ngig, unter anderem von der Wohnungseinrichtung und dem Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner. Drei Beispiele aus dem Kinder-Umwelt-Survey des Umweltbundesamtes:

  • Stichwort Benzol: Die Luft in Kinderzimmern von sozial schlecht gestellten Familien enthielt im Schnitt mehr Benzol pro Kubikmeter (m3) als die Luft in Kinderzimmern von Familien mit mittlerem und hohem Sozialstatus. Benzol ist krebserzeugend und kommt beispielsweise in Innenr?umen vor, wenn Tabak geraucht wird (siehe Abb. ?Benzol in der Luft des Kinderzimmers von 3-14-J?hrigen nach Sozialstatus“).
  • Stichwort Passivrauchen: Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus waren deutlich h?ufiger Tabakrauch ausgesetzt als Kinder aus besser gestellten Familien (siehe Abb. ?Raucher im Haushalt von 3-14-j?hrigen nicht rauchenden Kindern nach Sozialstatus“).
  • Stichwort α-Pinen: Die Luft der Kinderzimmer von Familien mit hohem Sozialstatus ist st?rker mit α-Pinen belastet. Das ist eine natürlich vorkommende Chemikalie, die aus Holz ausgast und vor allem bei Kindern die Atemwege und die Augen reizen kann (siehe Abb. ?α-Pinen in der Luft des Kinderzimmers von 3-14-J?hrigen nach Sozialstatus“).
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Schadstoffe im Menschen

Die Belastung durch Umweltschadstoffe ergibt ein uneinheitliches Bild, wie zwei Beispiele aus dem Kinder-Umwelt-Survey zeigen:

  • Stichwort Blei: Kinder mit einem niedrigen Sozialstatus haben im Mittel eine h?here Bleikonzentration im Blut als Kinder mit mittlerem oder hohem Sozialstatus (siehe Abb. ?Blei im Blut von 3-14-J?hrigen nach Sozialstatus“). Das Schwermetall Blei kann bereits bei einer geringen Konzentration die Reifung des kindlichen Nervensystems beeintr?chtigen.
  • Stichwort polychlorierte Biphenyle (⁠PCB⁠): Das Blut der Kinder mit h?herem Sozialstatus ist h?her mit PCB belastet als das Blut von Kindern mit niedrigem Sozialstatus (siehe Abb. ?Polychlorierte Biphenyle (PCB) im Blut von 7-14-J?hrigen nach Sozialstatus“). Die Gründe hierfür sind das unterschiedliche Stillverhalten und dass diese Stoffe beim Stillen mit der Muttermilch an das Kind weitergegeben werden. Der Anteil stillender Mütter ist in der hohen Sozialstatusgruppe am h?chsten und die Stilldauer ist in dieser Gruppe am l?ngsten. Zudem sind die Mütter mit hohem Sozialstatus tendenziell ?lter und haben daher im Laufe ihres Lebens bereits mehr PCB im K?rper akkumuliert. Chlororganische Substanzen wie PCB werden vor allem über Lebensmittel tierischer Herkunft aufgenommen und k?nnen das Immunsystem sowie das Nervensystem sch?digen.
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Umweltassoziierte Erkrankungen

Auch bei den umweltassoziierten Erkrankungen zeigt sich ein differenziertes Bild in Abh?ngigkeit vom sozialen Status:

  • Im bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS Welle 1) des Robert Koch-Instituts (⁠RKI⁠) wurde in den Jahren 2009 bis 2012 u.a. die Verbreitung von Allergien bei Kindern im Alter von 0-17 Jahren untersucht. Danach berichteten Eltern mit hohem Sozialstatus h?ufiger eine jemals erhaltene Arztdiagnose an Neurodermitis als Eltern mit niedrigem oder mittlerem Sozialstatus (Schmitz et al., 2014).
  • Bei Erwachsenen mit hohem Sozialstatus treten allergische Erkrankungen, wie z. B. Heuschnupfen, Neurodermitis, Kontaktekzem oder Asthma bronchiale, insgesamt h?ufiger auf als bei Erwachsenen mit niedrigem oder mittlerem sozio?konomischen Status. Die Daten der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) der Jahre 2008 bis 2011 konnten dieses Ph?nomen insbesondere für Frauen aufzeigen (Langen et al., 2013).

Die Verbesserung der Datenbasis über die soziale Verteilung von Umweltbelastungen und deren gesundheitliche Auswirkungen ist eine wichtige Aufgabe für die Zukunft. Die Verknüpfung von Umwelt-, Gesundheits- und Sozialberichterstattung ist ein Aufgabenfeld, das st?rker verfolgt werden muss. Aussagekr?ftige Daten bilden die Grundlage, auf der sich umweltpolitische, verkehrsplanerische und verbraucherbezogene Ma?nahmen gezielter planen und umsetzen lassen.

Tipps zum Weiterlesen:
Jarre, J. (1975): Umweltbelastungen und ihre Verteilungen auf soziale Schichten. G?ttingen: Schwartz & Co.

Bolte, G., Bunge, C., Hornberg, C., K?ckler, H., Mielck, A. (Hrsg.) (2012): Umweltgerechtigkeit. Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit: Konzepte, Datenlage und Handlungsperspektiven. Hans Huber Verlag, Bern.

Klimeczek, H.-J. (2014): Umweltgerechtigkeit im Land Berlin – Zur methodischen Entwicklung des zweistufigen Berliner Umweltgerechtigkeitsmonitorings. UMID, 2/2014: 16-22; siehe auch URL: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/i901.htm (Zugriff: 02.03.2016).

Umweltgerechtigkeit