Urban Mining

Bagger auf der Baustelle r?umt Abfall in Containerzum Vergr??ern anklicken
Infrastrukturen, Geb?ude und langlebige Güter sind potenzielle Quellen für Sekund?rrohstoffe
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Die deutsche Volkswirtschaft setzt j?hrlich rund 1,3 Milliarden Tonnen an Materialien im Inland ein. Davon verbleiben besonders Metalle und Baumineralien oftmals lange Zeit in Infrastrukturen, Geb?uden und Gütern des t?glichen Gebrauchs. über Jahrzehnte hinweg haben sich auf diese Weise enorme Materialbest?nde angesammelt, die gro?es Potenzial als zukünftige Quelle für Sekund?rrohstoffe bergen.

Inhaltsverzeichnis

 

Strategie zur Kreislaufwirtschaft

Die Kreislaufführung von Stoffstr?men leistet einen wichtigen Beitrag zur Schonung natürlicher Ressourcen. Eine ambitionierte Kreislaufwirtschaft berücksichtigt alle Materialflüsse entlang der Wertsch?pfungskette von der Rohstoffgewinnung bis hin zur Abfallbewirtschaftung. Dabei stellt sich eine gro?e Herausforderung, die noch nicht angemessen in der Kreislaufwirtschaftspolitik integriert ist: Die starke, zeitabh?ngige Dynamik, mit der sich Materialbest?nde ver?ndern. Sie wird durch die Verweilzeiten langlebiger Güter angetrieben. Am Ende der Nutzungsphase von Gütern lassen sich die darin gebundenen Materialien teilweise über Recyclingprozesse zurückgewinnen oder energetisch verwerten. Dabei k?nnen Materialkreisl?ufe von Geb?uden, Infrastrukturen und langlebigen Konsumgütern angesichts deren Verweilzeiten mitunter erst nach einigen Jahrzehnten geschlossen werden.

Hierin unterscheiden sich langlebige von kurzlebigen Gütern. Denn Lebensmittel, Verpackungen und Kraftstoffe sind zwar mit sehr umfangreichen Materialstr?men verbunden, deren Abflüsse lassen sich jedoch auch kurzfristig als Abf?lle und Emissionen registrieren. Die Menge im Umlauf bewegt sich somit auf einem langfristig nahezu konstanten Niveau und bildet eine belastbare Planungsgrundlage für zukünftige Stoffstr?me. Langlebige Güter hingegen lassen sich in ihrer Lagerbildung schwerer erfassen. Oftmals verl?uft sich die Spur der enthaltenen Materialien zwischen Einbringung ins und Ausbringung aus dem anthropogenen Lager. Mengenangaben zum Materialbestand, dessen Zusammensetzung und Verbleib sind aufw?ndig zu ermitteln. Die immense Stoff- und Produktvielfalt, komplexe Produktlebenszyklen und Nutzungskaskaden, rasante Technologiezyklen, Stoffstromkontaminationen, intensive internationale Handelsverflechtungen sowie r?umliche Verlagerungen erschweren letztlich eine hochwertige Aufbereitung und Rückgewinnung.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, bedarf es eines ganzheitlichen und proaktiven Ansatzes, der die als Sekund?rrohstoffe nutzbaren Abf?lle in Zusammenhang mit ihrer zeitlichen und r?umlichen Freisetzung stellt.?Dieser Ansatz wird mit Urban Mining verfolgt.

 

Was ist Urban Mining?

Aus Sicht des Umweltbundesamtes ist Urban Mining die integrale Bewirtschaftung des anthropogenen Lagers mit dem Ziel, aus langlebigen Gütern sowie Ablagerungen Sekund?rrohstoffe zu gewinnen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Güter noch aktiv genutzt und erst in absehbarer Zukunft freigesetzt werden oder ob sie bereits das Ende ihres Nutzungshorizonts erreicht haben. Sie alle sind Teil der Betrachtung. Anders als der Name vermuten l?sst, bezieht sich Urban Mining nicht allein auf die Nutzung innerst?dtischer Lager, sondern befasst sich vielmehr mit dem gesamten Bestand an langlebigen Gütern. Darunter fallen beispielsweise Konsumgüter wie Elektroger?te und, Autos aber auch Infrastrukturen, Geb?ude und Ablagerungen auf Deponien.

Der Unterschied des Urban Minings zur Abfallwirtschaft besteht in den Betrachtungsgrenzen beider Ans?tze. W?hrend die Abfallwirtschaft sich mit dem Abfallaufkommen an sich besch?ftigt, dessen Menge, Zusammensetzung und einer bestm?glichen Rückführung der Materialien in den Stoffkreislauf, bezieht Urban Mining den Gesamtbestand an langlebigen Gütern mit ein, um m?glichst früh künftige Stoffstr?me prognostizieren zu k?nnen und bestm?gliche Verwertungswege abzuleiten, noch bevor die Materialien als Abfall anfallen. Je besser dabei das qualitative und quantitative Wissen um die gebundenen Materialien ist und die Zeitr?ume, wann diese wieder aus dem Bestand freigesetzt werden, umso besser k?nnen sich die beteiligten Akteure auf neu entwickelnde Abfallstr?me und deren Verwertung einstellen.

Der Handlungsrahmen des Urban Mining als strategischer Ansatz des Stoffstrommanagements reicht demzufolge vom Aufsuchen (Prospektion), der Erkundung (Exploration), der Erschlie?ung und der Ausbeutung anthropogener Lagerst?tten bis zur Aufbereitung der gewonnenen Sekund?rrohstoffe. Dies kann sowohl innerhalb als auch au?erhalb des abfallrechtlichen Regelungsbereiches passieren. Urban Mining ist kein g?nzlich von der Abfallwirtschaft losgel?ster Ansatz, sondern erg?nzt diesen und verfügt darüber hinaus über Schnittmengen zum Produktions- und zum Konsumbereich.
Eine Sonderdisziplin des Urban Mining bildet das so genannte Landfill Mining. Es bezeichnet die Gewinnung von Wertstoffen aus Altdeponien.

 

Die Chancen nutzen

In Hinblick auf einen zunehmenden internationalen Wettbewerb um die knappen Rohstoffe der Erde kann die Nutzung von Sekund?rrohstoffen dazu beitragen, die natürlichen Ressourcen der Erde zu schonen und so die Lebensgrundlagen bestehender und zukünftiger Generationen zu sichern. Urban Mining bündelt nicht nur die Vorteile der Sekund?rrohstoffnutzung, sondern er?ffnet darüber hinaus weiterführende Chancen für die Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Gewinnung von Prim?rrohstoffen ist mit empfindlichen Eingriffen in ?kosysteme und nicht selten mit der Freisetzung umweltgef?hrdender Substanzen verbunden. Zudem konkurriert der Rohstoffabbau oftmals mit der lokalen Bev?lkerung um die Nutzung knapper natürlicher Ressourcen wie Wasser und Fl?chen. Urban Mining dient durch eine gezielte Lenkung von Stoffstr?men der Schonung natürlicher Ressourcen und kann helfen, Nutzungskonkurrenzen zu entsch?rfen. Hierfür besteht eine breite gesellschaftliche Akzeptanz. Denn Recyclingprozesse hierzulande unterliegen immissionsschutzrechtlichen Auflagen, um ein h?chstm?gliches Schutzniveau für Mensch und Umwelt zu garantieren. W?hrend diese bei Bedarf angepasst werden k?nnen, hat der Gesetzgeber oftmals keinen wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Einfluss auf die Durchsetzung akzeptabler Umweltstandards in Prim?rf?rderl?ndern.?

Da die geologischen Ressourcen der Erde nicht nur begrenzt, sondern zudem ungleich verteilt sind, ist Deutschland beim Einsatz vieler Rohstoffe wie Erze und Metalle auf Importe angewiesen. Durch die optimierte Nutzung von Sekund?rrohstoffen und die Bewirtschaftung von ?Rohstofflagern“ im eigenen Land werden weniger Prim?rrohstoffe aus dem Ausland ben?tigt. Dies hat zum einen den Vorteil, dass die Importabh?ngigkeit von Prim?rf?rderl?ndern reduziert und anderen L?ndern, die bisher in der globalen Ungleichheit zwischen F?rder- und Nutzl?ndern benachteiligt wurden, der Zugang zu Rohstoffen erleichtert werden kann. Besonders im Bereich der als versorgungskritisch eingestuften Edel- und Sondermetalle kommt diesem Punkt eine gro?e Bedeutung zu, da viele Zukunftstechnologien in ihrer Funktionsweise vom Vorhandensein solcher Metalle abh?ngig sind. Zum anderen ergeben sich durch den Einsatz von Sekund?rrohstoffen und die Aufbereitung im Inland wirtschaftliche Vorteile – für das produzierende Gewerbe durch Kosteneinsparungen im Materialbereich, für die Volkswirtschaft durch Erh?hung der inl?ndischen Wertsch?pfung. Die Recyclingwirtschaft ist ein potenzialtr?chtiger Innovationsmotor und Arbeitsmarkt.

 

Urbane Minen

Anthropogene Lagerst?tten weisen im direkten Vergleich zu natürlichen Rohstofflagerst?tten einige Vorteile auf, die deren systematische Bewirtschaftung für die Zukunft als sinnvolle Alternative zum Prim?rrohstoffabbau darlegen.

  • Anthropogene Lager enthalten enorme Mengen an wertvollen Stoffen, die inl?ndisch nicht oder nicht mehr aus geologischen Reserven gewinnbar sind. Für viele Rohstoffe, wie beispielsweise Metallerze, übersteigen die im anthropogenen Lager gebundenen Mengen die geologischen Reserven Deutschlands um ein Vielfaches.
  • Der relative Anteil anthropogener Reserven an den globalen Reserven wird in Zukunft steigen. Zwar werden weiterhin neue geologische Vorkommen erschlossen, doch deren Qualit?t nimmt in der Tendenz ab, bei steigendem Aufwand zur Gewinnung. Mit jedem produzierten langlebigen Gut werden weitere natürliche Rohstoffe in die Anthroposph?re verlagert.
  • Anthropogene Lager haben einen hohen Wertstoffgehalt. Viele Metalle etwa liegen in Gütern wie Bauteilen oder Maschinen in Reinform oder hochlegiert vor - in ihren natürlichen Erzlagerst?tten hingegen oftmals nur in geringen Konzentrationen. So entspricht der Goldanteil eines durchschnittlichen Mobiltelefons dem von 16 kg Golderz.
  • Urbane Minen befinden sich oftmals genau dort, wo Rohstoffe ben?tigt werden.
    So liegen etwa Sekund?rgesteinsk?rnungen aus dem Rückbau von Bauwerken meist im innerst?dtischen Bereich, w?hrend im Vergleich dazu Prim?rkies aus Steinbrüchen stammt, die mitunter mehr als 30 bis 50 km entfernt sein k?nnen.
 

Strategieentwicklung

Urban Mining wird in den kommenden Jahrzehnten bei der Fortentwicklung einer Kreislaufwirtschaft erheblich an Bedeutung gewinnen. Es ist der Schlüssel, um in Zukunft die anfallenden, dynamischen Materialmengen hochwertig und schadlos bewirtschaften zu k?nnen. Urban Mining l?sst sich an fünf Leitfragen ausrichten:

  1. Wo sind die Lager?
  2. Wie viele und welche Materialien sind enthalten, die als Sekund?rrohstoffe genutzt werden k?nnen?
  3. Wann werden die Lager für die Rohstoffgewinnung verfügbar?
  4. Wer ist an der Erschlie?ung beteiligt?
  5. Wie lassen sich Stoffkreisl?ufe effektiv schlie?en????

Für die strategische und langfristige Planung von Stoffstr?men ist es notwendig, das Wissen über das anthropogene Lager st?ndig zu erweitern und dieses zu verwalten, an die beteiligten Akteure weiter zu geben und anzuwenden.

Dazu muss zuerst eine Wissensbasis über die Zusammenh?nge zwischen Input- und Outputstr?men geschaffen werden, in der Stoffumwandlungen im anthropogenen Lager über lange Zeitr?ume Berücksichtigung finden. Au?erdem bedarf es geeigneter Instrumente des Wissens- und Informationsmanagements. Um die Wissensbasis entlang von Akteurs- und Wertsch?pfungsketten teilen zu k?nnen, werden Bewertungsschemata für urbane Minen, digitale Kataster sowie Geb?ude- und Güterp?sse entwickelt und standardisiert. Die Entwicklung von selektiven, hochsensitiven Recyclingtechniken für komplexe Stoffverbünde sowie das vorausschauende Gestalten logistischer und rechtlicher Rahmenbedingungen, mit denen die Nachfrage für qualit?tsgesicherte Sekund?rrohstoffe gest?rkt wird, stellen ein ebenso wichtiges, komplement?res Handlungsfeld dar.