Strategische Zukunftsforschung

Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorherzusagen, sondern auf die Zukunft vorbereitet zu sein (nach Perikles 490-429 v.Chr.). Die strategische Zukunftsforschung besch?ftigt sich mit m?glichen, wünschbaren und wahrscheinlichen Zukünften und entsprechenden Gestaltungsm?glichkeiten.

Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik?sind hoch komplex und miteinander und anderen Politikbereichen vernetzt. Zudem ist Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik, vergleichbar mit der Renten- oder Infrastrukturpolitik: also ein Langfristthema. Damit ist gemeint, dass einmal getroffene – oder auch vers?umte – Entscheidungen auch langfristig wirken. Geplante Effekte k?nnen von unvorhersehbaren Entwicklungen beeintr?chtigt werden. Die umweltpolitischen Herausforderungen verlangen daher integrierte und langfristig ausgerichtete L?sungsans?tze – gleichzeitig ?ndern sich hierfür kontinuierlich die Bedingungen. Hierfür müssen m?gliche zukünftige Entwicklungen durchdacht und Annahmen sowie Handlungsoptionen durchgespielt werden.

Die strategische Vorausschau – beziehungsweise strategische Zukunftsforschung – verfolgt genau dieses Ziel: Fundierte Grundlagen für langfristige politische Entscheidungen zu liefern. Sie soll vorausschauende Politik unterstützen und so die Zukunftsf?higkeit eines Landes verbessern. Dabei geht es nicht darum, die Zukunft richtig vorherzusagen. Vielmehr geht es um einen Prozess, bei dem ein offener Blick auf m?gliche Zukunftsentwicklungen gerichtet wird. Daher ist es ein zentrales Anliegen, starre Denkmuster aufzubrechen, verschiedene Akteure zu vernetzen und eigene Annahmen stets kritisch zu hinterfragen. Die folgenden Ans?tze werden derzeit im Umweltbundesamt verwendet.

Systemanalyse – Modellierung – Simulationen

Der Begriff System ist gut aus der ?kologie bekannt: Fast alle Menschen k?nnen sich etwas unter ??kosystem Wald“ oder ??kosystem Wattenmeer“ vorstellen. Dabei geht es bei der systemischen Sicht darum, einen Ausschnitt der Umwelt zu definieren, der dann n?her beschrieben wird. Die Bestandteile eines Systems – beispielsweise die Krebse, Muscheln, Algen, Fische – sind alle miteinander in Nahrungsnetzen verbunden. Aber auch externe Faktoren, wie beispielsweise Verschmutzungen des Wassers, Plastikabf?lle oder auch Fischerei st?ren jeweils das natürliche System und das System reagiert darauf. Hierbei sind Rückkopplungen, Verz?gerungen und ambivalente Reaktionen typisch: Je mehr Krabben, desto mehr ?Krabbenfresser“, desto mehr Krabben werden durch diese gefressen, desto weniger Krabben sind vorhanden. Je weniger Krabben, desto weniger Krabbenfresser, und der Kreislauf beginnt von vorn. Jeweils dauert es aber eine Weile, bis sich die Krabben, aber auch die Krabbenfresser vermehrt haben.
Dieses systematische ?Zusammendenken“ der verschiedenen Bausteine eines Systems l?sst sich auch auf andere Themen übertragen: zum Beispiel das Wirtschaftssystem, die Verkehrsplanung aber auch auf umweltpolitische Ma?nahmen. Entscheidend bei dieser Betrachtung ist die Kenntnis, dass die Bausteine miteinander verknüpft sind und aufeinander reagieren. Mit dieser Sichtweise werden Wirkungsketten, Rückkopplungen, Verz?gerungen und Ambivalenzen von Aktivit?ten und Ma?nahmen sowie die Rollen verschiedener Akteure deutlich.
Um diese Vernetzung zu erfassen, gibt es verschiedene Methoden, wie beispielsweise die so genannte Qualitative Modellierung, Wechselwirkungsanalysen (?cross-impact-analysis“), morphologische Analysen und quantitative (simulationsgestützte) Szenariostudien. Dabei hat die Nutzung von Simulationen und quantitativen Szenarien schon eine lange Tradition in der Umweltpolitik. Quantitative Szenarien vermitteln Informationen in Form von Zahlen und Zeitreihen, die auf Ergebnissen von Modellberechnungen basieren. Die Effekte verschiedener umweltpolitischer Ma?nahmen zum Beispiel auf zu erwartende Kosten oder CO2-Einsparungen k?nnen so gegeneinander abgesch?tzt werden. Die Systemanalyse hilft, Themen und Probleme ganzheitlich in ihrer Komplexit?t zu erfassen und für eine politische Bewertung zug?nglich zu machen. Au?erdem k?nnen entsprechende Handlungsempfehlungen abgeleitet werden.

Qualitative Szenarien

Wir k?nnen heute nicht exakt wissen, wie genau die Zukunft aussehen wird. Aber wir k?nnen – mit (Experten-)Sch?tzungen und Beschreibungen – überlegen, welche grunds?tzlichen Entwicklungen m?glich w?ren. Beispielsweise k?nnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes in den n?chsten zehn Jahren stark steigen, stagnieren, sinken oder die Entwicklung wird v?llig unstabil. Welche Preisentwicklungen des Roh?ls k?nnten m?glich sein? Welche Rolle spielt die demographische Entwicklung, in dem Land und global? Für qualitative Szenarien nutzt man derartige Beschreibungen m?glicher künftiger Entwicklungen und bildet daraus konsistente und plausible Darstellungen, wie die Zukunft aussehen k?nnte. Hierzu wird beispielsweise systematisch durchdacht, wie, beziehungsweise ob ein starkes Bruttoinlandsprodukt mit einem hohen Roh?lpreis und einer alternden Bev?lkerung in Deutschland ?zusammenpassen“. Sinnvolle Kombinationen von m?glichen Entwicklungen werden zu ?Szenen“ der Zukunft zusammengesetzt. Hierbei geht es stets darum zukunftsoffen, vernetzt und langfristig zu denken. Qualitative Szenarien sind immer von einer spezifischen Fragestellung abh?ngig. Beispiele sind ?das Umfeld für nachhaltige Entwicklung in Deutschland“ oder ?das Umfeld für Ressourceneffizienzpolitik in Deutschland“.
Hierbei ist es wichtig hervorzuheben, dass Szenarien nicht Strategien sind: Szenarien beschreiben einen nicht unmittelbar beeinflussbaren Kontext, w?hrend in Zukunftsstrategien alternative Handlungsoptionen erarbeitet werden.

Horizon Scanning und Trendanalyse

Die Aufgabe eines Horizon Scanning Systems in der Umweltpolitik ist es, die Ver?nderungen zu identifizieren, die ma?gebliche Auswirkungen auf den Zustand der Umwelt und die Umweltpolitik haben k?nnten. Horizon Scanning untersucht dazu systematisch Trends (auch Megatrends), neue und unerwartete Ereignisse, sogenannte ?Wild Cards“, anhaltende Probleme sowie Informationen über beginnende Trends (?Weak Signals“). ?Weak Signals“ sind gerade auch in Bereichen interessant, die noch nicht allgemein im Zusammenhang mit Umweltpolitik diskutiert werden, aber mittel- und langfristig einen erheblichen Einfluss haben k?nnten. Ziel ist es, die Umweltpolitik auf solche neuen Themen auszurichten, damit rechtzeitig und vorausschauend die langfristige und strategische Planungs- und Handlungsf?higkeit verbessert wird.