Gew?ssertyp des Jahres 2019 "Gro?es Nordsee?stuar"

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Satellitenaufnahme der Nordsee?stuare
Quelle: Copernicus Sentinel Daten [2018]

In Deutschland gibt es drei gro?e Nordsee?stuare. Es sind die Mündungsbereiche von Ems, Weser und Elbe.

Inhaltsverzeichnis

 

Kurzbeschreibung

Im Kartendienst zum Gew?ssertyp des Jahres finden Sie alle Flie?gew?sser, Seen, ?stuare (übergangsgew?sser) und Küstengew?sser. Die gro?en ?stuare sind dort unter ?2019“ farbig entsprechend ihrer Bewertung hervorgehoben. Sie k?nnen für das Gew?sser, das Sie interessiert, weitere Angaben zum Zustand der Gew?sserflora und -fauna abrufen.


Die Mündungsbereiche von Ems, Weser und Elbe in die Nordsee sind die drei gro?en ?stuare in Deutschand. Sie beginnen in der Ems bei Leer, in der Weser bei Brake und in der Elbe bei Stade.

 

Steckbrief

  • Gr??e: Fl?che bis über 300 km2, L?nge bis über 100 km, Breite bis über 10 km
  • Vertreter: ?stuare der Ems, Weser und Elbe
  • Abflusstyp: gepr?gt von Ebbe und Flut, gro?r?umige, zyklische Umkehr des Abflusses angetrieben von Flutwelle und Ebbstrom
  • Str?mungsbild: vielf?ltige Str?mungsmuster, Stillwasserbereiche in Flachwassergebieten, h?here Str?mungsgeschwindigkeiten im Freiwasser
  • Substrat: Sand, Schluff, Ton, organische Anteile und Mischsedimente wie Schlick
  • Gew?sserform: trichterf?rmige Mündung
  • Natürlicherweise typische Habitate: Durchmischungsbereich von Sü?- und Salzwasser, sogenannte Brackwasserzone
  • Lebensgemeinschaft: viele Generalisten, also Arten, die keine hohen Ansprüche an ihren Lebensraum haben, aber auch hoch spezialisierte Arten, die nur in diesem begrenzten Bereichzwischen Fluss und Meer überleben k?nnen
  • Hauptbelastungsfaktoren: Schifffahrt, Fischerei, Küsten- und Hochwasserschutz, Landwirtschaft, Stofffrachten der vom Festland kommenden Flüsse
Eine Karte der Nordsee?stuare
Vorkommen der Nordsee?stuare
Quelle: Umweltbundesamt
 

Lebensraum

An Küsten mit gro?em Tidenhub dringt die Gezeitenwelle weit in Flussmündungen vor. Die regelm??igen Flutwellen und Ebbstr?me weiten das Flusstal aus, so dass nach und nach eine trichterf?rmige Mündung entsteht: das ?stuar. Das sind in der südlichen Nordsee die Mündungen von Ems, Weser und Elbe. Der Tidenhub betr?gt dort zwischen zwei und drei Metern. Gezeitenwellen k?nnen eine betr?chtliche H?he erreichen.

Im ?stuar des Amazonas erreichen diese Flutwellen eine H?he von fünf bis sechs Metern und werden ?Pororoca“ genannt. Jede dieser Flutwellen transportiert Sand und Schlick am Gew?sserboden über die ?stuare den Fluss hinauf. Diese Sedimente lagern sich ab oder werden vom Ebbstrom wieder zurück ins Meer gesaugt. St?ndige Ver?nderung ist ein Merkmal dieses Lebensraums: Sandinseln und tiefe Rinnen bilden sich schnell und vergehen wieder. In den ?stuaren mischt sich das Sü?wasser der Flüsse mit dem Salzwasser der Nordsee. So entsteht sogenanntes Brackwasser. Diese Bedingungen stellen die Lebensgemeinschaften vor gro?e Herausforderungen. Das Artenspektrum ist kleiner als in weniger extremen Lebensr?umen.

Einige Arten sind hoch spezialisiert und leben nur in diesen Gebieten. Unter dem Einfluss von Ebbe, Flut und Brackwasser k?nnen sich in flachen Uferbereichen ausgedehnte Salzwiesen und R?hrichte ausbreiten, die regelm??ig oder sporadisch überflutet werden. Sie sind Laichgebiet, Rastst?tte, Brut- und Lebensraum für Insekten, Amphibien, Fische und V?gel.

 

Typische Lebewesen

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Salz Teichsimse (Schoenoplectus tabernaemontani)

Die Salz-Teichsimse (Schoenoplectus tabernaemontani) besiedelt die tidebeeinflussten Gew?sserufer in dichten R?hrichten. Aufgrund ihrer Salztoleranz w?chst sie oft an ?vorderster Front“ in einem Bereich, der mindestens zweimal t?glich unter Wasser steht und nur von wenigen h?heren Pflanzen besiedelt werden kann. Durch ihre Wuchsform sind Teichsimsen sehr gut an die hohen mechanischen Belastungen durch das tidebedingte Wechselbad der Gezeiten angepasst.

Schierlingswasserfenchel (Oenanthe conioides)

Der Schierlingswasserfenchel (Oenanthe conioides) ist eine mehrj?hrige krautige bis zu zwei Meter hohe Pflanze. Er ist ein Endemit der Tide-Elbe, das hei?t, die Art kommt an keinem anderen Ort der Welt vor. Der Schierlingswasserfenchel gilt als ?vom Ausstreben bedroht“ und ist daher streng geschützt. Sein Lebensraum ist fast verschwunden: flache, t?glich überflutete, schlickreiche und von Menschen wenig beeinflusste Uferanschnitte.

Europ?ischer Stint (Osmerus eperlanus)

Der Stint (Osmerus eperlanus) lebt in den Küstengew?ssern Europas. Er wird in der Regel 15-20 cm lang, bis zu 6 Jahre alt und ist trotz seiner geringen Gr??e als Speisefisch gesch?tzt. Stinte ern?hren sich vor allem von kleinen Krebsen des Planktons und am Boden lebenden Organismen, fressen aber auch Jungfische. Stinte wandern zum Laichen in gro?en Schw?rmen in die ?stuare der gro?en Str?me, um hier im zeitigen Frühjahr je Weibchen bis zu 40.000 Eier abzulegen. Früher wurden Stinte in gro?en Mengen gefangen, noch heute weisen Ortsbezeichnungen in einigen deutschen St?dten (z.B. ?Stintfang“ in Hamburg und der Stintmarkt in Lüneburg) darauf hin.

Chinesische Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis)

Die Chinesische Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis) wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Menschen unbeabsichtigt nach Europa eingeschleppt und hat sich in allen gro?en in die Nordsee mündenden Flüssen (Elbe, Weser, Ems und Rhein) etabliert. Die Art ist nachtaktiv und ern?hrt sich von pflanzlichem und tierischem Material (omnivor). Sie lebt als erwachsenes Tier im Sü?wasser und wandert zur Fortpflanzung flussabw?rts ins Gro?e ?stuar (katadrome Wanderungen).

Nach der Eiablage von bis zu 900.000 Eiern im Brackwasser sterben die Elterntiere - sie pflanzen sich also nur einmal fort. Die Larven entwickeln sich im Brackwasser, wandern anschlie?end flussaufw?rts und werden nach etwa fünf bis sechs Jahren geschlechtsreif. Neben gro?en Fischen und V?geln wie dem Graureiher, welche die Wollhandkrabbe insbesondere bei deren H?utung gern erbeuten, geh?rte der Mensch zu ihren gr??ten Feinden. Nach Massenentwicklungen der Art in den 1930er Jahren ging ihr Bestand durch Absammlung, aber auch durch extreme Gew?sserverschmutzung, bis in die 1970er Jahre stark zurück. Seitdem hat die Art wieder deutlich zugenommen. W?hrend die Art in Deutschland bisher nur in wenigen Restaurants angeboten wird, gilt sie in der chinesischen Küche als begehrte Delikatesse.

G?nses?ger (Mergus merganser)

?stuare sind bedeutende Brut- und Rastgebiete für eine Vielzahl an Vogelarten. Der G?nses?ger (Mergus merganser) ist eine dieser Arten, welche in Deutschland zwar mit nur etwa 1.000 Paaren als Brutvogel vorkommt, dagegen aber im Winter als Durchzügler und Gast viel h?ufiger zu beobachten ist. Etwa 40.000 bis 60.000 Tiere überwintern jedes Jahr an eisfreien Seen und in den ?stuaren der gro?en Flüsse Deutschlands. Nach Ihrem ?Winterurlaub“ kehren die meisten G?nses?ger in ihre n?rdlicher gelegenen Hauptbrutgebiete zurück. Die Nahrung des G?nses?gers besteht aus kleineren Fischen von einer L?nge bis zu 10 cm.

Grünalgen (Pediastrum)

Grünalgen der Gattung Pediastrum sind mikroskopisch kleine einzellige Algen, die in Kolonien (sog. Coenobien) von 4 bis zu 100 Einzelzellen leben – gemeinsam sehen sie unter dem Mikroskop aus wie kleine grüne Zackenr?dchen. Diese Grünalgen sind Teil des sogenannten Phytoplanktons der ?stuare, welches durch ⁠Photosynthese⁠ Sonnenlicht und N?hrstoffe in pflanzliche ⁠Biomasse⁠ umwandelt. Dabei wird auch der für viele Organismen lebenswichtige Sauerstoff gebildet. Das Phytoplankton bildet auch die Nahrungsgrundlage für viele Lebewesen im Nahrungsnetz der ?stuare, zum Beispiel für kleine Krebstiere und Larven verschiedener Organismen.

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Nutzung und Belastung

Gütertransport, Fischerei, Tourismus und Freizeitschifffahrt beanspruchen die ?stuare von Elbe, Ems und Weser. Die umliegenden Landfl?chen werden landwirtschaftlich genutzt. Noch zum Ende des 19. Jahrhunderts wiesen die Nordsee?stuare eine weitgehend natürliche Gestalt auf. Die landwirtschaftliche Nutzung war extensiv und entlang der Flüsse und ihrer Nebenarme fanden sich ausgedehnte R?hrichtbest?nde.


In den gro?en ?stuaren haben Sturmfluten früher gro?e Sch?den verursacht und sogar Menschenleben gefordert. Zum Schutz vor diesen Naturereignissen wurden Deiche errichtet und in der Ems ein Sperrwerk gebaut. Diese Bauwerke verhindern die natürlichen Sedimentations- und Umlagerungsprozesse. Die Fl?che, in der sich Sedimente ablagern, hat sich deswegen stark verringert. Auch an den Nebenflüssen wurden Deiche und Sperrwerke errichtet. In der Folge wird die Flutwelle immer gr??er und bringt viel Sediment mit sich, welches der Ebbstrom nicht mehr austragen kann. Das bedeutet, dass die Schifffahrtsstra?en und H?fen st?ndig ausgebaggert werden müssen, um ein ?Stranden“ der immer gr??er werdenden Schiffe zu verhindern.


Der erwartete Anstieg des Meeresspiegels bedroht den Lebensraum der R?hrichte sowie der Brack- und Salzwiesen. Weitere Küstenschutzma?nahmen werden n?tig.
Die ?stuare geh?ren zu den Gebieten, in denen sich das Wasser der Flüsse mit dem Wasser der Nordsee mischen. Die N?hr- und Schadstoffe, die Elbe, Ems und Weser mit sich führen, beeintr?chtigen die Wasserqualit?t der ?stuare. Die Schwebstoffe mit hohen Schadstoff- und Phosphorkonzentrationen der Flüsse mischen sich mit den weniger belasteten Schwebstoffen der Nordsee und k?nnen im ?stuar sedimentieren.
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Zustand

Die Bundesl?nder stufen die gro?en Nordsee?stuare aufgrund der Ma?nahmen für die Schifffahrt und den Hochwasserschutz als ?erheblich ver?ndert“ ein. Für erheblich ver?nderte Gew?sser ist der Bewertungsma?stab gem?? der EG-⁠Wasserrahmenrichtlinie⁠ das ?kologische Potenzial, d.h der Zustand, der im Einklang mit der Nutzung erreichbar ist. Dabei werden z.B. erforderliche Bauwerke zum Hochwasserschutz berücksichtigt. Zur Verbesserung des ?kologischen Potenzials fordert die EG-Wasserrahmenrichtlinie, alle Ma?nahmen zur Verbesserung des Zustands zu ergreifen, welche weder die Schifffahrt und noch den Hochwasserschutz einschr?nken.


Die ?stuare von Weser und Elbe werden als ein ⁠Wasserk?rper⁠ betrachtet. Das ?stuar der Ems wird für die Bewertung am Dollart in zwei Wasserk?rper unterteilt. Von diesen vier Wasserk?rpern weisen drei ein m??iges ?kologisches Potenzial auf. Das Potenzial der Ems von Leer bis Dollart wurde 2015 mit unbefriedigend bewertet. Vordringliches Problem ist die zu hohe N?hrstoffbelastung. Sie führt zu überm??igem Wuchs an schwebenden Wasserpflanzen (Phytoplankton).


Die Gro?en Nordsee?stuare werden von einzigartigen Lebensgemeinschaften aus Pflanzen und Tieren besiedelt, die an diesen Lebensraum angepasst sind. Die intensive Nutzung der Nordsee?stuare erschwert es, den Zustand dieser seltenen ?kosysteme zu verbessern. Um wieder Flachwassergebiete zu schaffen und den Tidenhub zu verringern, müssen Deiche ge?ffnet, zurück versetzt sowie Nebenflüsse und Nebenarme wieder an die Hauptstr?me angeschlossen werden. Viele Bürgerinnen und Bürger setzen sich für den Schutz dieses Lebensraums ein, um ihn auch für kommende Generationen langfristig zu erhalten. Jeder kann dazu einen Beitrag leisten, z.B. Landwirte durch Beschr?nken ihrer N?hrstoffverwendung auf das für die Pflanzen notwendige Ma? sowie Erosionsschutz, die Kommunen durch Phosphatf?llung auch in kleinen Kl?ranlagen und jeder Bürger durch Verringerung des Verzehrs an tierischem Eiwei?.

kreisdiagramm zum Zustand
Zustandsdiagramm
Quelle: Umweltbundesamt
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