Munition im Meer

Gefahren durch Munitionsaltlasten für Schifffahrt, Fischerei, menschliche Gesundheit und das Meeres?kosystemzum Vergr??ern anklicken
Gefahren durch Munitionsaltlasten für Schifffahrt, Fischerei, Gesundheit und das Meeres?kosystem
Quelle: Forsvarets forskingsinstitutt - the Norwegian Defence Research Establishment (FFI)

In deutscher Nord- und Ostsee lagern Altlasten von ca. 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition und 5.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe, die im Zweiten Weltkrieg durch Milit?roperationen oder danach durch Verklappung versenkt wurden. Dies gef?hrdet Schiffsverkehr, Fischerei, Tourismus, Menschen an Str?nden sowie die Meeresumwelt und behindert Offshore-Installationen und Seekabel-Verlegungen.

Inhaltsverzeichnis

 

Schadstoffbelastung durch konventionelle Munition

Die Metallhüllen der Munitionsk?rper (zum Beispiel Bomben, Minen und Granaten) rosten mit der Zeit durch und setzten dabei die enthaltenen Schadstoffe in die Meeresumwelt frei. Bei den Schadstoffen handelt es sich bei konventioneller Munition um sogenannte Sprengstoff-typische Verbindungen (STV) wie 2,4,6-Trinitrotoluol (TNT) und weitere Nitroaromaten, Hexahydro-1,3,5-trinitro-1,3,5-triazin (RDX), Octahydro-1,3,5,7-tetranitro-1,3,5,7-tetrazocine (HMX). Insbesondere TNT und seine ⁠Metabolite⁠ sind als Nitroaromaten giftig, krebserzeugend und/oder erbgutver?ndernd.

Neben den Sprengstoff-typischen Verbindungen enth?lt die konventionelle Munition auch Schwermetalle wie Quecksilber. Auch die Schwermetalle gelangen nach dem Wegrosten der Metallhüllen in die Meeresumwelt.

Der analytische Nachweis dieser Chemikalien in der Meeresumwelt ist nicht einfach, da sie zurzeit noch in sehr geringen Konzentrationen auftreten und nur in der N?he der Versenkungsgebiete h?here Konzentrationen erreichen und sich in Meeresorganismen wie Muscheln anreichern k?nnen.

Das Umweltbundesamt hat daher das Institut für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler des Universit?tsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel beauftragt, verschiedene biologische Proben (etwa Muscheln und Fische, aber auch marine S?uger) sowie Sediment auf verschiedene Sprengstoff-typische Verbindungen sowie ihre Metaboliten zu analysieren. Die gewonnenen Daten zur r?umlichen Verbreitung und zeitlichen Entwicklung von STV in marinen Organismen werden toxikologisch bewertet. Die Ergebnisse der Studie werden voraussichtlich Anfang 2023 ver?ffentlicht.

 

Schadstoffbelastung durch chemische Munition

In der Ostsee wurde deutlich mehr chemische Munition (5.000 Tonnen) versenkt als in der Nordsee (ca. 90 Tonnen im Helgol?nder Loch).

Chemische Kampfstoffe sind milit?risch genutzte chemische Verbindungen, die die physiologischen Funktionen des menschlichen Organismus derma?en st?ren, dass die Kampff?higkeit der Soldaten beeintr?chtigt oder sogar der Tod herbeigeführt wird. Sie wurden im 1. Weltkrieg eingesetzt, im 2. Weltkrieg nur produziert. Dabei handelt es sich um folgende Stoffe: überwiegend S-Lost (Hautkampfstoff), Tabun (Nervenkampfstoff), Phosgen (Lungenkampfstoff), Chloracetophen (Augenreizstoff) und Clark I, Clark II, Adamsit und Arsin?l (Nasen- und Rachenreizstoffe).

B?ttcher et al., 2011 beschreiben die Gefahren für die Meeresumwelt, die von diesen versenkten Kampfstoffen ausgehen: Mit Ausnahme von Tabun sind alle genannten Kampfstoffe schwerer als Meerwasser oder zersetzen sich im Wasser. Versenkter Kampfstoff zeigt somit keine Tendenz, an die Meeresoberfl?che aufzusteigen und dort verdriftet zu werden. Bei der Reaktion der Kampfstoffe mit Wasser durch Hydrolyse entstehen weniger toxische Stoffe. Ausnahmen stellen Z?h-Lost (Mischung von S-Lost mit Verdickungsmittel) und arsenhaltige Verbindungen dar. Z?h-Lost (und in geringerem Ma?e auch normales S-Lost) kann auch l?ngere Zeit nach Freisetzung aus Munitionsbeh?ltern in Form von mehr oder weniger gro?en, elastischen Brocken auftreten und noch seine volle Wirksamkeit als Hautkampfstoff entfalten, wenn es, etwa durch H?ngenbleiben in Fischernetzen, an die Meeresoberfl?che gelangt und dort mit der Haut in Berührung kommt. Die arsenhaltigen Verbindungen Clark I, Clark II und Adamsit k?nnen aufgrund ihrer Best?ndigkeit auch l?ngerfristig im marinen Milieu existieren und insbesondere im Sediment lokal in h?heren Konzentrationen verbleiben. Sie bilden jedoch keine Klumpen wie Z?h-Lost.

Die meisten der bisher bekannten Unf?lle mit Kampfstoffen wurden durch Z?h-Lost rund um das Versenkungsgebiet ?stlich der d?nischen Ostseeinsel Bornholm verursacht, wobei Klumpen von Z?h-Lost in Fischernetze gerieten.

 

Schadstoffbelastung durch wei?en Phosphor

Wei?er Phosphor fand als Wirkmittel in bestimmter Brandmunition Verwendung (z.B. Phosphor-Brandbomben). Er stellt eine Modifikation des elementaren Phosphors dar und entzündet sich bei 20 bis 40 °C mit Sauerstoff von selbst und brennt mit bis zu 1.300 °C.

Bis heute werden Brocken von wei?em Phosphor, die wie Bernstein aussehen, an deutsche Str?nde gespült, insbesondere bei Usedom, wo ca. 1,2 Tonnen durch Fehlwürfe von Brandbomben ins Meer gelangten (B?ttcher et al., 2011). Hier warnen Warntafeln die Urlauber vor den Gefahren. Durch Verwechslungen mit Bernstein k?nnen Unf?lle durch Strandfunde von wei?em Phosphor eher an den Ostseestr?nden als an der Nordsee auftreten.

 

Bergung der Munitionsaltlasten

Gegenw?rtig wird bei Gef?hrdung der Schifffahrt durch Munitionsaltlasten diese durch Kampfmittelr?umdienste entsch?rft, geborgen und der einzigen deutschen Entsorgungsanlage, der Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten in Munster, zur Vernichtung zugeführt.

Falls eine Entsch?rfung durch Taucher nicht m?glich ist, wird die Munition gesprengt. Da dabei die Schadstoffe nicht vollst?ndig vernichtet, sondern erst recht in die Umwelt freigesetzt werden (Maser & Strehse, 2020), sollten Sprengungen vermieden werden. Zudem k?nnen Sprengungen durch den Unterwasserknall das Geh?r von Meeress?ugern verletzten.

Die Umweltministerkonferenz hat 2019 beschlossen, die Daten- und Informationslage zur Gef?hrdung der Meeresumwelt durch Munitionsaltlasten zu verbessern und auf dieser Grundlage über die Notwendigkeit und Eignung von Ma?nahmen, einschlie?lich Bergung und Entsorgung, zu befinden und mit der Ostsee zu beginnen.

Gegenw?rtig wird diskutiert, dass eine schwimmende mobile Entsorgungsanlage für die Vernichtung von Munitionsaltlasten gebaut werden sollte. Der in einem Projekt (ROBEMM) entworfene Prototyp einer unbemannten, videogesteuerten Sammelvorrichtung für Munition müsste im Meer getestet werden. Die Finanzierung all dieser Ma?nahmen ist noch zu kl?ren.